Schalenwildausschuss des LJV Sachsen-Teil I

Zu seiner diesjährigen Tagung hatte der Schalenwildausschuss des LJV Sachsen die Mitglieder für Jagdwirtschaft und Hege, Hegegemeinschaftsleiter und fachlich interessierte Jäger in den Gasthof „Hermsdorf“ nach Ottendorf-Okrilla eingeladen. Insgesamt 24 Mitglieder des LJV Sachsen nahmen daran teil.

Gegenwärtig erleben wir unter den Jägern unseres Verbandes landesweit zum Teil heiße Diskussionen um die Hege und Bewirtschaftung unseres Schalenwildes. In deren Mittelpunkt steht häufig das Rotwild. In erster Linie geht es um die Fragen zur Ermittlung der Größe unserer Wildbestände und deren naturverträglichen Erhaltung. Dabei zeigt sich immer wieder: ohne Kenntnis der jährlichen Streckendaten einschließlich deren Strukturierung nach Anzahl, Geschlecht und Alter, verbunden mit dem Wissen um die konkreten, ständig wechselnden Verhältnisse in den Revieren, wäre ein nachhaltiges, planmäßiges Hegen und Jagen auf Dauer nicht möglich.

Deshalb sollte in dieser Veranstaltung neben der landesweiten Streckenanalyse eine weitere, für uns neue Wildmonitoringmethode vorgestellt werden, die unter ganz spezifischen Bedingungen gute Ergebnisse liefern kann: Die Erfassung von Wildtierbeständen mit Hilfe von Kamerasystemen aus dem Flugzeug während des Überfluges.

Dabei werden Aufnahmen mit einer Infrarotkamera bei gleichzeitigem Einsatz einer zweiten hochauflösenden Echtbild-Kamera gemacht, die nach Deckungsabgleich in der anschließenden Auszählphase am Computer entsprechende Zählergebnisse liefern. Wird ein Tier mit der IR Kamera detektiert, so wird automatisch ein hochaufgelöstes visuelles Bild aufgenommen, mit dem eine artspezifische Ansprache des Tieres möglich sein soll.

Die Flugroute ist im Detail mit Hilfe von GPS-Daten (ohne Nachbetankung oder Zwischenlandung) zu planen und einzuhalten, um Doppelerfassungen weitestgehend auszuschalten. Das bringt für den Piloten eine hohe physische und psychische Belastung mit sich. Hinsichtlich geeigneter Umweltbedingungen sollten zum Zeitpunkt der Erfassung keine überwiegend dichte, hochwachsende Bodenvegetation und keine hohen Umgebungstemperaturen durch Sonneneinstrahlung gegeben sein, damit es nicht später durch die dann kaum unterscheidbare Körpertemperatur des Wildes (weiße Fläche auf der IR-Kamera) zu Fehlinterpretationen kommt.

Für das Wildtiermonitoring bietet sich das dem Freistaat Sachsen gehörende, am nördlichen Rand zu Brandenburg gelegene fast 70 km² große Naturschutzgebiet – inzwischen von der EU als Wildnisgebiet anerkannt – der „Königsbrücker Heide“ an. Flächenverwalter ist der Staatsbetrieb Sachsenforst – NSG-Verwaltung. Im Kerngebiet, einer Naturentwicklungszone von etwa 5.000 ha, besteht Betretungs- und Jagdverbot. Flora und Fauna konnten sich nach 100-jähriger militärischer Nutzung nunmehr in weiteren 15 Jahren geschützter Entwicklung naturnah entwickeln. Um diese Zone liegen zwei jeweils 1.000 ha große Naturschutzmanagement- bzw.Pflege-/Pufferzonen.

TOP 1: Präsentation des Wildtiermonitorings im Naturschutzgebiet Königsbrücker Heide. Vorstellung erster Ergebnisse durch Luftbildauswertung aus dem Jahr 2016

Als Referent stand uns Herr Kaj Krumbiegel, zuständiger Revierleiter vom Staatsbetrieb Sachsenforst, NSG-Verwaltung Königsbrücker Heide zur Verfügung. Nochmals vielen Dank für seine Bereitschaft. An Hand einer Bildpräsentation dokumentierte er das Projekt von der Aufgabenstellung bis zur Auszählung und Berechnung des Wildbestandes und kündigte die Weiterführung des Monitorings an.

Das Projekt wurde fachlich neben dem Piloten, Herrn Ulrich Franke, wildlife monitoring by AEROSENSE, wissenschaftlich von Dr. F. Tottewitz und Matthias Neumann, Thünen-Institut für Waldökosysteme, Eberswalde wissenschaftlich begleitet.

Seit Bestehen des Schutzgebietes Anfang der 90er Jahre war und ist Wildmonitoring eine ständige Aufgabe auf der Königsbrücker Heide. Dabei geht es heute um

  • Erfassung und Abschätzung der Bestandsentwicklung von Schalenwild im NSG und deren Einfluss auf die Gebietsentwicklung,
  • Bewertung des Raum-/Zeitverhaltens von Rot- und Schwarzwild im Randbereich und Umfeld des NSG,
  • Abschätzung zu Umfang und Entwicklung von Wildschäden bei den Landnutzern des NSG-Umfeldes,
  • Intensivierung der Zusammenarbeit beim Wildtiermanagement zwischen dem NSG und dessen Umfeld in Sachsen und Brandenburg (angrenzend Jagdbezirke und Landnutzer).

Begonnen wurde mit der Wildtiererfassung in der Vergangenheit (2003-2013) zunächst durch Losungszählmethode in Form systematischer Verteilung der Probepunkte im gesamten NSG (Frühjahr/Herbst) und Abfährten bestimmter Transekte, d.h. Messpunkte entlang einer geraden Linie – im Gegensatz zu Quadranten – nach Schneefall.

Nach der Entscheidung zum Einsatz der neuen Methode erfolgte 2015 ein Probefliegen mit Auswertung in Transekten über das gesamte NSG. Dabei wurde eine Fläche von ca. 2.300 ha erfasst. Mit dem Überfliegen wurde die Firma AEROSENSE aus der Pfalz beauftragt (nähere Angaben zum Fluggerät – siehe Bild). Die Flughöhe über Boden betrug dabei 450 m, der Abstand zwischen den parallelen Schleifen 100 m, woraus sich eine Flugstrecke von ca. 220 km ergab.

Nach Auswertung der erzielten Ergebnisse erfolgte 2016 eine erneute Befliegung unter Einbeziehung wichtiger Flächen der außerhalb an das NSG angrenzenden Gebiete (z.B. Rotwild-Fernwechsel Brandenburg) auf 1.900 ha.

Welche besonderen Vorteile bietet das Monitoring-Verfahren des Überfliegens?

  • den besonderen Betretungsvorschriften gefährdeter Gebiete – einschließlich schwer zugänglicher Flächen – wird Rechnung getragen,
  • störungsarmes Auffinden und visuelles Erfassen des Wildes,
  • wesentliche Reduzierung des manuellen Aufwandes,
  • Einschränkung des Zeitaufwandes bei der Datenerhebung,
  • Erhöhung des Faktors der maximalen objektiven Datenermittlung.

Zusätzlich zur Befliegung können weitere Erfassungsmethoden parallel eingesetzt werden, z.B.

  • Telemetrierung von Rotwild (gegenwärtig sind 10 Tiere besendert),
  • Wildverbissgutachten (Begutachtung des Wildverbisses an Waldpflanzen im Weisergatter (12 x 12 m)),
  • Genotypisierung durch Losungsanalyse.

Im Ergebnis der Rotwilderfassung auf dem Gebiet der Königsbrücker Heide wurde vorerst eine Rotwilddichte von 28 Stück/100 ha ausgewiesen. Nach neuesten Angaben können durch das NSG im Herbst 2017 weitere belastbare Ergebnisse zum Monitoring vorgestellt werden.

TOP 2: Erläuterungen zur Schalenwild-Streckenstatistik im Freistaat Sachsen

Leider konnten durch Hern Marschner, OJB, auf Grund fehlender Zuarbeiten keine vollständigen Statistikdaten vorgelegt werden.

Zum Stichtag 10.04.2017 fehlten die Daten aus 131 Revieren! Trotz zweimaliger Fristverlängerung (31.05 und 30.06.) und Androhung der Verfolgung als Ordnungswidrigkeit, lagen aktuell noch keine vollständigen Datensätze vor.

Nach Fertigstellung der Statistik werden die Angaben durch die OJB schriftlich nachgereicht und in unserem folgenden Mitteilungsblatt in Auszügen veröffentlicht.

Da eine gleiche Situation bereits 2016 zum Abschluss des 3-Jahresplanzeitraumes zu verzeichnen war, wird zukünftig in Abstimmung mit der OJB ein günstigerer Jahrestermin festgelegt.

Herr Marschner ergänzte seine Ausführungen durch interessante Angaben u.a. zur ansteigenden Jungjägerausbildung und zu landesweiten Monitoringaufgaben.

Hinweis: Mit dem letzteren Komplex befasste sich auch eine spezielle Arbeitsgruppe unter Leitung von Dr. Frank Tottewitz auf dem Bundesjägertag im Juni 2017 in Rostock-Warnemünde. Hier wurde den sächsischen Teilnehmern verdeutlicht, dass im Freistaat Sachsen im Vergleich zu vielen anderen Bundesländern günstige technische Voraussetzungen zur Lösung anstehender Aufgaben bei der Präsenzerfassung von Wildtierbeständen bestehen.

Fotograf: Ulrich Franke, AEROSENSE

Angaben zum Flugzeug: S-Stol von „Roland Aircraft“ aus Mendig

Spannweite: 8,22 m

Gesamtlänge: 6,10 m

Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h

Mindestgeschwindigkeit: 45 km/h

Startstrecke: 30 – 40 m

Verbrauch: 12 l/h

Rolf Kotzur
Obmann für Schalenwild