Fachbeiträge

Adolf With & Rolf Kotzur, Beiersdorf und Neukirch

Erkenntnisse ostsächsischer Jäger zur Rückkehr der Wölfe unter besonderer Beachtung ihrer ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen sowie der zunehmenden Anforderungen an ein belastbares Monitoring

Schlagworte/key words: Oberlausitz, Aktionsgruppe Wolf, Schalenwild, Wolfsbestände zählen oder schätzen, Zählfaktor, Subpopulation oder Population, Immigration, Größe der günstigen Referenzpopulation

  1. Einleitung

Der Wolf, das markanteste Großraubtier Europas, besiedelte, von Kerngebieten Ost- und Südeuropas kommend, erneut alte Verbreitungsareale, so auch die Oberlausitz als Ausgangspunkt seiner Rückkehr nach Deutschland.
Seine Anwesenheit führt aber zunehmend zu Konflikten und einer sich verstärkenden Polarisierung zwischen ländlicher und städtischer Bevölkerung. Die Bestandsexpansion des Wolfes offenbart erfreute Befürworter und leidtragende Tierhalter, Landwirte, Jäger und Grundbesitzer.
Deshalb gründeten wir im Jahr 2013 eine „Aktionsgruppe Wolf“, in der Vertreter von sieben ostsächsischen Kreisjagdverbänden eine gemeinsame Interessenvertretung bilden. Wir erarbeiteten Grundsätze zum Umgang mit dem Wolf, zu Strategie und Wert des Wolfsschutzes und wirkten aktiv mit an der Erarbeitung des vom Bundesjägertag 2015 beschlossenen „Positionspapier Wolf“ des DJV. Im Herbst 2013 richteten wir eine Petition gegen die unkontrollierte Wolfsbestandsentwicklung mit fast 10 000 Unterschriften an den Sächsischen Landtag. 2014 richteten wir Petitionen zur Schutzstatusminderung des Wolfes an den Deutschen Bundestag und an die Europäische Union in Brüssel.
Während im November des Vorjahres im Petitionsausschuss der EU unsere Petition behandelt wurde, steht auch nach zwei Jahren eine Antwort des Sächsischen Landtages aus.
Wir tragen unsere Erkenntnisse an die Öffentlichkeit mit dem Ziel jagdpolitischer Entscheidungen für ein wissenschaftsbasiertes Management des Wolfes, der Bestandsregulierung und der Akzeptanz durch den Menschen.

  1. Kulturhistorische Charakteristika der Region Oberlausitz

Im Ostteil des Bundeslandes Sachsen, seit 500 Jahren unter dem Namen Oberlausitz bekannt, begann mit der Beobachtung von zwei jagenden Wölfen durch Mitarbeiter des Forstamtes Muskauer Heide im Jahre 1998 die jüngste Wolfsbesiedlung Deutschlands.

Das Kerngebiet des neuen Wolfsvorkommens war ein 168 km² großer, aktiver Truppenübungsplatz, geprägt von großflächigen Kieferforsten und Heideflächen mit Birkenbewuchs. Die umgebenden Gebiete zwischen den Städten Hoyerswerda und Weißwasser kennzeichnen aktive und stillgelegte Braunkohlentagebaue, geflutete Tagebau- Restgruben, wiederbewachsene Kippen sowie kultivierte Flächen (Vietinghoff-Riesch 1961). Die gesamte Oberlausitz ist ein vielgestaltiges Kulturland mit den prägenden Landschaften der Heide- und Teichgebiete, dem Lausitzer Bergland und Mittelgebirge im Süden. Über Jahrhunderte hat der Mensch die natürlichen Landschaften durch Entnahme von Rohstoffen umgestaltet, insbesondere durch den um 1800 begonnenen Braunkohlebergbau, Sand,- Ton,- und Kiesgruben, Steinbrüche,  Flussbegradigungen, Schneisen für Hochspannungsstromleitungen, Waldrodung, Wasserstauanlagen und moderne Großflächenlandwirtschaft.
Vom einstigen Tierreichtum ist nur ein bescheidener Teil geblieben, viele der heutigen Tierarten drohen auszusterben. Rebhuhn, Hase und Fasan sind selten geworden, Uhu, Eisvogel, Kiebitz, Lerche, Kranich oder Storch und Lurche bedürfen gesetzlicher Schutzregeln. Habgier und Profitstreben, Gleichgültigkeit und Unwissenheit sind die ärgsten Feinde unserer heimatlichen Landschaft.

III. Rückkehr und Verbreitung des Wolfes

Die Rückkehr des Wolfes findet auch nach 18 Jahren keine einmütige gesellschaftliche Zustimmung in unserer Region, wobei es auch international kein Beispiel von ungehinderter Wolfsausbreitung in Kulturlandschaften über längere Zeiträume gibt, die von Menschen geduldet wurde. Wie schon in historischer Zeit ergeben sich die Reaktionen der Menschen in ländlichen Bereichen aus den negativen Wirkungen auf Nutztier- und Schalenwildpopulation sowie aus der Furcht vor dem Raubtier. So ist auch die Auffassung vieler Menschen zu verstehen, welche die Wolfsrückkehr nicht als Ergebnis der Erholung von Naturlandschaften sehen, sondern als Resultat des Wirkens einer Minderheit nicht Betroffener, dem Wolf um jeden Preis einen dominanten Platz im Artenschutz zu sichern.
Mit den eingeleiteten strengen Schutzmaßnahmen für Großraubtiere kam es zu einer rasanten Bestandsentwicklung des Wolfes im europäischen Raum.

  1. Wolfsbestandsentwicklung in Ostsachsen

Mit dem ersten Nachwuchs mit 4 Welpen im Sommer 2000 und im Folgejahr 2 weiteren Welpen bestand das Stammrudel in der Muskauer Heide aus 8 Tieren. Im Winter wanderten 4 Jungwölfe in das Gebiet zwischen Weißwasser/ Hoyerswerda ab, eine Wölfin paarte sich 2003 mit einem Haushund mit dem Resultat von 9  Hund- Wolf- Mischlingen. Frühzeitig ist die Bestandsentwicklung der Wölfe in der Oberlausitz konfrontiert mit der Mischlingsproblematik (Granlund, Jähde, Ansorge 2015). Offenbar damals noch als Problem des Artenschutzes betrachtet, wurden im Winter 2004  mittels Lappjagd 2 von 4 noch lebenden Mischlingen gefangen und in ein Gehege im Bayrischen Wald gebracht. In späteren offiziellen Bestandsverlautbarungen bleiben weiter Angaben zu Mischlingen aus. Wir stellen fest, die Hybridisierung des Wolfsbestandes ist schon Bestandteil deutscher und europäischer Wolfspolitik. Wir teilen die Auffassung ernst zu nehmender Wissenschaftler, Großraubtiere in besiedelte Kulturlandschaften einzubringen bedeutet, sie genetisch in ihrer Art zu gefährden.
Die Dynamik von Wachstum und Ausbreitung der Wölfe von Ostsachsen hat selbst optimistische Erwartungen übertroffen. Von hier beginnend, breiteten sie sich nach Westen aus, erweiterten ihre Streifgebiete und haben heute ihre Reviere in allen ostdeutschen Bundesländern und in Niedersachsen.
Aus dem aktuellen Erleben des Wolfes in unserer Natur erkennen Landwirte und Jäger, ein konkreter Überblick ist nicht gegeben, die offiziellen Bestandsangaben zu den Wölfen sind zu niedrig geschätzte Zahlen. Als Jäger bewerten wir die heutigen Wolfsrudelzahlen wenigstens um das Dreifache höher.

Tabelle 1: Wolfsbestandsentwicklung in Sachsen und BRD in Rudeln

2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014
Sachsen 1 1 1 1 1 2 3 3 5 5 5 8 9 10
BRD 1 1 1 1 1 2 3 3 5 7 7 14 18 25

Mit der heutigen Bestandsgröße ist der Wolf weder in Europa noch in Deutschland vom Aussterben bedroht, sondern sie bedeutet einen günstigen Erhaltungszustand und eine langfristige Überlebensfähigkeit der Population und rechtfertigt unsere Forderung nach Umstufung des Wolfes aus dem Schutz des Anhanges IV der FFH-RL in den Anhang V derselben.
Aber immer noch halten NABU und LUPUS- Institut an dem Konstrukt einer sog. „Mittel-europäischen Flachlandpopulation“ fest. Wir sind überzeugt, der größte Schaden für den Wolf bedeutet nicht seine Schutzstatusabminderung, sondern der Verlust seiner Akzeptanz in der Bevölkerung. Bei Weiterführung gegenwärtiger Wolfspolitik, der jegliches Geschehen auch im letzten Winkel unserer Kulturlandschaft unterzuordnen ist, kann keine Koexistenz mit deRückkehrer Wolf gelingen.
Vor diesem Hintergrund und einer in Ostsachsen heute in Frage gestellten Tierhaltung und geregelten Jagdausübung fordern wir, sobald und solange die Vitalität einer sich regulär reproduzierenden Wolfspopulation gegeben ist, eine Begrenzung des Wolfsbestandes in ausgewählten Habitaten. Großraubtierpopulationen müssen nicht an ihre Grenzwerte wachsen, die Bereitschaft zur Regulation muss entwickelt werden, Naturschutzorganisationen müssen mit ihren Tabus aufräumen. Es sollten Bestandsgrenzwerte gesetzt werden, die eine geregelte Viehhaltung und Jagdausübung ermöglichen.
Unser Ziel des Wolfsschutzes ist eine langfristig überlebensfähige Wolfspopulatin ohne menschliche Unterstützung und mit Akzeptanz der Bevölkerung. Prozesse der Konfliktlösung dürfen nicht wie bisher nur von Behörden und Naturschutz dominiert werden, wir fordern partizipative Entscheidungsfindungen mit wissenschaftlicher Kompetenz, Vertretern der Landwirtschaft, der Jagdwirtschaft und der lokalen Bevölkerung.

V.Auswirkungen der Wolfsrückkehr

  1. Ökologische Effekte

Bei der Betrachung der Wechselbeziehungen zwischen dem Wolf und seiner Umwelt können wir noch keine endgültigen Schlüsse ziehen. Es gibt 18 Jahre nach seiner Rückkehr aber verschiedene Erkenntnisse. Es hat sich erwiesen, die Rückeroberung neuer Lebensräume durch den Wolf wird von zunehmenden Konflikten begleitet, deren Lösung die Beantwortung der Frage verlangt, wo und in welcher Dichte kann und soll er leben und wo es infolge ungenügender ökologischer Gegebenheiten nicht in Frage kommt. Auch wenn wir heute noch nicht verbindlich sagen können, wie exakt der Einfluss des Wolfes auf das Schalenwild sein wird, so ist deutlich zu registrieren, das bisherige Gleichgewicht wird beeinflusst und verändert sich. Erfahrungen aus Ländern mit dauernder Wolfsbesiedlung belegen besonders den Rückgang der Bestände an Schalenwild und Auswirkungen auf die Biodiversität.
Wir registrieren bislang den regionalen Rückgang der Rehwildstrecken und einen Niedergang des Muffelwildes. Bezogen auf die die Hauptbeuteanteile des Wolfes bestimmende Faunazusammensetzung eines Territoriums zeigen aktuelle Nahrungsanalysen der ostsächsischen Wölfe nachfolgende Ergebnisse:

Nahrungsanalysen ostsächsischer Wölfe ( Senckenberg Naturkundemuseum Görlitz):

Anteile:

  • Rehwild 53%
  • Rothirsch 21%
  • Schwarzwild 18%
  • Feldhase u. Wildkaninchen 4 %
  • Haustiere
  • Nutria 1%
  • Fuchs
  • Marderhund

Die Hauptart ist das Reh. Jahreszeitenbedingte Verschiebungen im Beutetieranteil sind nicht bekannt, auch keine Selektion nach Altersklassen beim Rehwild.
Die Wölfe in der Oberlausitz sind spezialisiert auf Rehwild, sowie auf Kälber von Dam- und Rotwild. Das kann auch Beobachtungen von durch streifende Wölfe relativ unbeeindrucktem Rotwild oder häufige Sichtungen von einzeln oder zu zweit jagenden Wölfen erklären. Die Anpassung an die Hauptbeute erfordert keine spezifische Jagdstrategie oder einen ständigen Rudeleinsatz.
Der effizient jagende Großräuber hält sich allgemein an große Säugetiere seines Territoriums, aber auch bei gutem Wildtierangebot können sich Wölfe auf Nutztiere oder Haushunde spezialisieren;  im nördlichen Finnland beträgt der Beuteanteil der Rentiere 96 %, Wölfe in den rumänischen Karpaten nutzen Haustiere im Beutespektrum zu 70 % und Haushunde zu 14 % (Granlund, Kalb 2015).
Betrachtet man die den Jagderfolg des Wolfes beeinflussenden Faktoren, erscheint uns seine Jagd eher vom Zufallsprinzip geleitet als von ausschließlich sanitärer Funktion.
Auch in der Oberlausitz bestätigt sich, der Wolf tötet mehr als er braucht. Wird er nicht gestört, kann er die gesamte überfallene Viehherde töten (Obretenow 2014). Bei einer Wolfs- attacke am 22.02.2016 in der Königsbrücker Heide wurden 70 Schafe und Ziegen getötet. Auch bei wilden Huftieren ist dieses Jagdverhalten der Wölfe bekannt. Sie sind in der Lage, das Rot-, Reh- und Damwildvorkommen zu reduzieren. Die faunistischen Auswirkungen auf Oberlausitzer Schalenwildbestände sind noch nicht komplett erkennbar. Wir registrieren aber Verhaltensänderungen des Schalenwildes als Anpassungsreaktionen an den Beutegreifer und regionale Bestandsänderungen.
Bei weitgehend unbekanntem Raum-Zeitverhalten von Wolf und Beutetieren ist das Schalenwild deutlich heimlicher geworden. Es ist unsteter, verbleibt länger in den Einständen, tritt zu veränderten Zeiten auf Äsungsflächen, zieht teilweise näher zu menschlichen Ansiedlungen und verbleibt hier länger. Ebenso die reguläre Bejagung erschwerend wirken Rotwild- Großrudel und Großrotten des Schwarzwildes mit den Folgen des Wildschadenproblems für die Jäger.
Direkte Absenkungen der Jagdstrecken bei Rot-, Dam- und Schwarzwild in den Wolfsgebieten Sachsens werden noch nicht registriert. Offenkundig ist das Zuwachspotential bei einer auch erhöhten Ausgangsbestandsdichte noch nicht aufgebraucht. Zu beachten sind jedoch auch erhöhte und effektivere Jagdaktivitäten, um den gleichbleibenden Abschussplan zu erfüllen. Ein bemerkbarer Streckenrückgang wird erst bei durchschnittlichen Bestandsdichten  zu erwarten sein. Andererseits sind die Rehwildstrecken regional rückläufig. Während sie im vom Bundesforstamt Lausitz betreuten Revier Neustadt schon 2003 um die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr absank, ist seit dem Jagdjahr 2009/10 in den Landkreisen Görlitz und Bautzen ein deutlicher und anhaltender Rückgang der Jagdstrecken erkennbar.

Tabelle: Anzahl des erlegten Rot-, Reh-  und Schwarzwildes in den Landkreisen Bautzen und Görlitz sowie vergleichsweise in Sachsen

In den Muffelwildstrecken des Freistaates Sachsen ist in den letzten fünf Jahren eine Abnahme von 21 % erkennbar. In den Wolfsgebieten Ostsachsens ist eine wesentlich deutlichere Entwicklung zu sehen. So ist im Landkreis Görlitz mit 6 etablierten Wolfsrudeln der Mufflonbestand des Einstandsgebietes Königshainer Berge praktisch ausgelöscht worden. In dem 3400 ha großen Areal wurden hier 1965  7 männliche und 12 weibliche Mufflons aus dem Bereich Ballenstedt/ Harz angesiedelt. Sie stammen also aus einer der wenigen reinblütigen Mufflonpopulationen Europas, die im Harz 1906 aus direkt von Sardinien bezogenem Muffelwild entstand. Aus der Sicht des Artenschutzes wäre dieser wertvolle Genpool der Königshainer Berge besonders zu schützen, zumal Muffelwild in Sardinien und Korsika inzwischen akut bedroht ist. Die Initiative zur Muffelansiedlung in Deutschland um die Wende 19./20. Jahrhundert ging von Natur- und Tierschützern, nicht von Jägern aus, um einer damals schon bedrohten Tierart eine Heimstatt zu bieten. An weiteren sieben Standorten wurden Mufflons in Sachsen angesiedelt (Tharandt, Liebstadt, Luchsenburg, Dresdner Heide, Polenz, Cunewalde, Baerwalde).
Wir betrachten das Muffelwild nicht als Neozoen, sondern als heimische Tierart, seit über hundert Jahren fester Bestandteil unserer Kulturlandschaft, in der es, tagaktiv und beobachtungsattraktiv, als Weidegänger des offenen Waldes und bewachsenen Graslandes ökologisches Potential besitzt.
Als Nebenwildart erfolgte die Einstandsbonitierung mit 145 Stck. Muffelwild. Die Komplexität von ausgezeichneten Biotopverhältnissen in den Königshainer Bergen und das genetisch wertvolle Ausgangsmaterial widerspiegelte sich in der Güte des entstandenen Mufflonbestandes (Weber 1984). Mit einer Bestandsgröße von etwa 550 Tieren konnten ab dem Jahre 2000 jährlich etwa 200 Tiere entnommen werden. Beginnend 2011 enwickelte sich ein dramatischer Bestandsabbau auf nur noch etwa 40 Tiere heute.

Tabelle:  Muffelwild- Streckenergebnisse Königshainer Berge, Landkreis Görlitz

2009/10 2010/11 2011/12 2012/13 2013/14 2014/15
231 214 146 95 23 2

Nach dem BJdG § 2(1), dem BNatSchG §10 Abs.2 Ziff 5 und der FFH-RL 92/93 sind wir zu Hege und Schutz des Muffelwildes verpflichtet. Wenn das Mufflon infolge seines Fluchtverhaltens in Wolfsgebieten keine Überlebenschancen hat, müssen wolfsfreie Zonen für noch intakte Mufflonbestände angestrebt werden. Wir fordern einen Artenschutz, der alle in unserer Kulturlandschaft frei lebenden Tierarten einbezieht und der die Nutzbarkeit natürlicher Ressourcen erhält (Reiterer 2001).

  1. Ökonomische Auswirkungen der Wolfsbesiedlung

Wolfsrückkehr und seine Bestandsentwicklung haben den Wolf- Haustier- Konflikt bis heute erheblich gesteigert, die Situation wird sich weiter verschärfen.

Die Menschen sehen ihre Umwelt als Lebens- und Wirtschaftsraum und die Kulturlandschaft nicht als Naturreservat an. Die unkontrollierte Wolfsausbreitung betrachten sie als Verlust für Ökosystem und Artenvielfalt, den Verlust von Nutztieren und Schalenwild als Vernichtung hochwertiger Nahrungsgüter. Wenn in historischer Zeit die Schadensdimensionen durch Wölfe für die Menschen größte Existenznöte und Schlimmeres bedeuteten, verursachen Wölfe auch heute große Probleme für den Landwirt und sein Nutzvieh. Kann man in amtlichen Statistiken hohe Haustierverluste europäischer Länder nachlesen, sind auch heute die Zahlen beeindruckend. Der Freistaat Sachsen, so in der „Leipziger Volkszeitung“ am 06.04.2016 zu lesen, investierte bislang 2 Mill. EUR in die Wolfsrückkehr.

Bei den von Jan. bis Oktober 2015 lediglich gemeldeten 56 Wolfsangriffen mit Tötung von 140 Tieren in Sachsen ist ein Vergleich mit Wolfsschäden in der Schweiz interessant, mit dort z.B. 2009 fast 400 gemeldeten Nutztierschäden.
Bei einem geschätzten Wolfsbestand von ca. 20 Tieren im Jahre 2014 bewegen sich die Nutztierentschädigungskosten der Schweiz bei jährlich 100 000 Fr., zuzüglich 2 Mill. Fr. an Anforderungen für den Herdenschutz. Offenbar ist von einer Dunkelziffer nicht gemeldeter Nutztierrisse infolge des bürokratischen Aufwandes in Sachsen auszugehen.

Dabei ist klar, die momentan angebotenen Hilfs- und Entschädigungsmaßnahmen decken nicht annähernd den Verlust der Tiere und notwendigen zusätzlichen Aufwand, ja selbst bei einer Gesamtübernahme aller vom Wolf verursachten direkten und indirekten Kosten durch den Naturschutz kann der bestehende Nutztier- Wolf- Konflikt nicht gelöst werden. Das wird spätestens bei zu erwartendem Erbeuten von Rindern oder Pferden oder von  schwerwiegenden Verkehrsunfällen mit Großtieren deutlich. Der Ausweg kann nur eine Regulierung des Wolfsbestandes sein.
Wir Jäger unterstützen die schon 2015 vom Deutschen Bauernverband getroffene Aussage, Forderungen nach Anpassung der Nutztierhaltung an die Gegebenheiten der Wolfspräsenz sind inakzeptabel und werden dem Ernst der Lage in der Weidehaltung von Nutztieren nicht gerecht. Insofern akzeptieren wir auch nicht die Auffassung deutscher Naturschutzbehörden, nach der bestandsregulierende Maßnahmen der Wölfe zur Schadensverhütung an Nutztieren unzulässig sind, da es ja Zäune und Hütehunde gibt.
Auch in der Jagdwirtschaft verursacht der Wolf beträchtliche Schäden, die man nicht mit Argumenten totschweigen kann, wonach herrenloses Wild niemandem gehöre und damit kein Verlust geltend zu machen sei.
Auch in einer Wohlstandsgesellschaft, die jeden Bezug zur Nahrungskette und zum verantwortungsvollen Umgang mit Naturressourcen verloren hat, stehen das vom Wolf benötigte Wild und dessen Wertgröße im Raum. Bezeichnenderweise fehlen heute noch offizielle staatliche Angaben dazu.
Es ist die Jagd, die heute mit täglich erbrachten freiwilligen Hege- und nachhaltigen Naturschutzleistungen die Diversität von Fauna und Flora und eine angemessene, nachhaltige Entnahme von natürlichen Ressourcen gewährleistet.
Nach Angaben des Senckenberg- Naturkundemuseums Görlitz beträgt der tägliche Wildfleischbedarf eines Wolfes etwa 5 kg, aus dem ein Jahresbedarf von 1,7 t  Wildbret resultiert, d.h. etwa 64 Rehe, 9 Stck. Rotwild, 16 Stck. Schwarzwild. Bei einer Rudelgröße von nur 5 Wölfen ergibt sich ein Jahresfleischbedarf von 8,5 t (320 Rehe, 45 Hirsche, 80 Stck Schwarzwild).
Wenn auch zum täglichen Nahrungsbedarf des Wolfes unterschiediche Angaben vorliegen, und zudem auch abweichende Angaben durchschnittlicher Rudelgrößen erfolgen, sind es beträchtliche wirtschaftliche Schäden in den Schalenwildbeständen.
Legt man aktuelle Durchschnittspreise zu Grunde, summiert sich der wirtschaftliche Schaden auf etwa 200 000 EUR/ Jahr/ Rudel.
Indem sich der Wolf Wild nimmt, was erlegt und verkauft werden könnte, hat er die gleiche Wirkung wie Hirsch und Reh als Störfaktor für Forstwirtschaft und Waldbesitzer oder wie Schwarzwild für den Landwirt, sie ergibt einen wirtschaftlichen Nachteil, eine Einbuße an Gütern oder der Artenvielfalt, an denen wirtschaftliche Interessen bestehen.

  1. Soziale Wirkungen der Wolfsrückkehr

Jeder Riss eines Nutztieres ergibt auch zusätzliche emotionale Belastungen des Tierhalters. Existenzsorgen, der Verlust des Selbstwertgefühls bis hin zur Aufgabe des Betriebes können folgen, Flächen werden nicht mehr bewirtschaftet, Kulturraum und Tourismus leiden. Die Ideologie der Großurbanisierung verstärkt die allgemeine Politikunzufriedenheit.
Die Landbewohner tolerieren nicht mehr einen doktrinären Ökologismus, der ihnen vorschreibt, wie sie mit der Natur umzugehen haben und in welchem Verhältnis dazu ihre sozialen und wirtschaftlichen Interessen stehen dürfen. Und zunehmend lauter werden die Fragen gestellt, warum eigentlich sollte die historische Tradition der Viehhaltung beendet, das Leben auf dem Lande behindert und unmöglich gemacht werden, nur um Vorstellungen von Wolfsbefürwortern von unberührter Wildnis zu realisieren.
Jäger und Jagdgenossenschaften in den Wolfsgebieten Ostsachsens haben bereits die Erkenntnis gewonnen, Wildbestände werden durch Wölfe verringert oder eliminiert (insbesondere das Mufflon). Die Folgen sind eine Minderung des Jagdertrages für den Jagdausübungsberechtigten und ein sinkender Wert des Jagdgebietes durch geringere Pachtpreise, welche die Jagdgenossenschaften bestätigen müssen, um eine pflichtgemäße Jagdausübung zu sichern.
Alle bisherigen Erkenntnisse  ostsächsischer Jäger machen deutlich, der sächsische Wolfsmanagementplan ist vor allem von Behörden erarbeitet, erfahrene Wildbiologen oder Sachverständige mit menschlichen Aspekten oder in Konfliktbewältigung waren nicht einbezogen.
Bei der Betrachtung der Wirkungen der Wolfspräsenz sind bedeutsam auch die Gefährlichkeit des Großraubtieres und die öffentliche Sicherheit.
Wir wenden uns gegen eine generelle Verharmlosung des Wolfes, wie sie medial als Strategie des Wolfsmenagements permanent zu lesen und zu hören ist. Wölfe bleiben Raubtiere, die Menschen verletzen und töten können.
Der ausufernde Naturschutz gegenüber dem Wolf gestattet es offenbar unserer Gesellschaft, über die Verluste an Haus- und Wildtieren hinaus sich selbst die Gefährdung des Menschen leisten zu können.
Wir sollten nicht die Augen vor den vorhandenen Ängsten der Menschen verschließen. Aus vielen Ländern liegen Berichte aus historischer und aktueller Zeit über dokumentierte Wolfsangriffe auf Menschen vor (Geist 2014, Granlund 2015, Obretenow 2014, Stubbe 2014, Linnell 2014 et al.). Man kann daraus ableiten, dass vom Wolf bei Bewahrung seiner natürlichen  Scheu vor dem Menschen und bei genügend Beutetieren keine eigentliche Bedrohung ausgeht.
Indem aber der Wolf in Sachsen in dicht besiedelte Kulturlandschaft angesiedelt und an den Menschen gewöhnt wurde, kann er, auch ungeachtet  der Anzahl anderer Beutetiere, den Menschen als potentielle Beute betrachten.
Das im Wolfsmanagement erkennbare vorsätzliche Ignorieren historischer Tatsachen, der Erfahrungen anderer Länder und von wissenschaftlicher Verhaltensforschung europäischer Großraubtiere ist für uns Jäger ein bewusstes Akzeptieren möglicher Wolfsangriffe auf den Menschen.
Will man die öffentliche Sicherheit des Menschen gewährleisten, ist die ständige Kontrolle des Wolfsbestandes eine Grundsatzaufgabe (Bibikow 1990). Die mit wachsender Bestandshöhe der Wölfe größere Gefahr von Seuchen (Tollwut) und die schnelle Seuchenverbreitung als wandernder Infektionsherd (Afrikanische Schweinepest) unterstreichen diese Forderung nach Gewährleistung öffentlicher Sicherheit.
Eine hervorragende Schutzmaßnahme und ein Schlüssel zu einem guten Miteinander von Mensch und Wolf könnte diesbezüglich eine schonende, reguläre, nachhaltige Nutzung des Wolfsbestandes sein, wie sie europäische Nachbarstaaten praktizieren (z.B. Spanien, Bulgarien, baltische Staaten u.a.).

VI.Anforderungen an ein flächendeckendes Monitoring

  1. Grundlagen des Wolfsmonitoring

Nach den Leitlinien für Managementpläne für Großraubtiere auf Populationsebene (Linnell et al. 2008) gilt eine Population als eine Population in einem günstigen Erhaltungszustand, wenn sie stabil ist oder zunimmt, der Lebensraum geeignet, die Referenzpopulation groß genug, das Gebiet besetzt ist und ein Austausch von Wölfen inner- und außerhalb der Population erfolgt. Dieser Prozess muss durch ein belastbares Monitoring begleitet werden.
Über die Qualität des Erhaltungszustandes ist alle sechs Jahre an die Kommission des Europäischen Parlaments schriftlich Bericht zu erstatten. Der nächste Bericht wäre 2018 fällig.
Der letzte Bericht (2006 – 2012) schätzte den Bestand der sogenannten „Mitteleuropäischen Flachlandpopulation“ in Deutschland/Westpolen als „stark gefährdet“ ein. Zuständig für die praktische Bearbeitung und Berichterstattung ist in Sachsen LUPUS (Institut für Wolfsmonitoring und –forschung in Deutschland).
Im Weiteren wird im Wesentlichen unsere Sicht auf die Situation der sächsischen Wolfsvorkommen dargestellt.

  1. Population oder Subpopulation

Die Aufgabenstellung für alle beteiligten europäischen Staaten lautet auf Grundlage der FFH-Richtlinie 92/43/EWG (v. 21.05.1992):

– die Population des Europäischen Grauwolfes (Canis Lupus Lupus) ist in einen günstigen Zustand zu versetzen und zu erhalten.

Zu klären wäre, welchen Populationsstatus die deutsch/polnischen Wölfe tatsächlich innehaben.
Boitani und Ciucci (2009) schlagen dazu vor, Europas Wölfe als eine große Population zu betrachten. Nach Linnell besteht eine große Population aus mehreren Subpopulationen, die untereinander wesentlich häufiger als mit benachbarten Subpopulationen in Verbindung stehen. Die Antwort auf die genetische Struktur der deutschen Wölfe und deren Zuordnung könnte eine belastbare genetische Analyse geben. Wir gehen heute davon aus, dass dazu auch umfassende Kenntnisse der Morphologie und des manifestierten Verhaltens der Wölfe gehört.
Will man in Deutschland einen eigenen Beitrag zur Schaffung und Erhaltung des Wolfsbestandes leisten, bedeutet das zahlenmäßig ausgedrückt nicht, dass der Bestand – wie immer wieder behauptet – mindestens 1.000 Wölfe umfassen muss.
„Wenn man eine Population hat, die im regelmäßigen Austausch mit anderen steht, kann diese Grenze auf 250 erwachsene Tiere abgesenkt werden. Damit würde die Population im günstigen Erhaltungszustand sein.“ (Kluth Protokoll Sächsischer Landtag 26.6.2015)
Die Populationsgröße ist hierbei in Anzahl geschlechtsreifer Wölfe anzugeben und soll am Ende des Monitoringjahres geschätzt (nicht gezählt) werden. Grundlage bilden dazu die Anzahl der Rudelpaare und die der mindestens zweijährigen Wölfe. Über das Letztere wurde leider in Sachsen noch nicht berichtet (Reinhardt et al. 2015).
Die konstruierte Populationsebene wird deshalb auch vom DJV und einem Großteil der sächsischen Jägerschaft so nicht mit getragen und gefordert:

  • das Wolfsmonitoring auf Grundlage international abgeglichener Monitoring-Methoden über europäische Grenzen hinweg zu organisieren,
  • die Ergebnisse der genetischen Untersuchungen zu veröffentlichen und
  • die Populationsebene und damit den Erhaltungszustand auf Grundlage der LCIE Kriterien zu bestimmen.

  1. Wolfsmonitoring – eine Aufgabe auch für sächsische Jäger

Leider ist der Wille zur Zusammenarbeit des größten Teiles der sächsischen Jägerschaft mit dem Institut LUPUS auf einem Tiefpunkt angekommen. Das ist im Sinne der eigentlichen Aufgabenstellung zu bedauern und sollte im Interesse aller Beteiligten überwunden werden. Dazu sind zunächst die Ursachen zu erkennen und zu beseitigen. Generell sollte dabei Beachtung finden, dass nur durch offene, ehrliche Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe eine erfolgreiche Arbeit ermöglicht wird. In die regelmäßigen Berichterstattungen sind neben LUPUS und NABU auch die Betroffenen wie Vertreter der Schaf-, Ziegen-, Rinder-, Pferde- und weitere Weidetierzüchter sowie Jäger einzubeziehen.
Mit der Aufnahme des Wolfes in das Sächsische Jagdgesetz wurden alle Jagdausübungsberechtigten verpflichtet, bei der systematischen Erfassung, Beobachtung und Überwachung konkreter Wildarten mitzuwirken.
Mit Übernahme der Monitoringarbeit für Wolf, Luchs und Wildkatze 2013 durch ca. 80 befähigte sächsische Jäger, sowie geschultes und erfahrenes Personal der Landesforstanstalten, der NGO und weiterer Bürger steht in Sachsen theoretisch ausreichend Personal zur Verfügung.
In der Vergangenheit zeigte es sich aber auch, welche Abläufe beim Monitoring verbessert werden müssten. So kritisierten Jagdausübungsberechtigte wiederholt, wenn sie nach Bekanntgabe einer protokollarischen Rissmeldung feststellten, dass fremde Personen unangemeldet, z.T. mit Hund und Fotogerät ausgerüstet, den Rissplatz kontrollierten und damit erhebliche Unruhe in das Jagdrevier brachten. In der Folge war man seitens der Revierinhaber offensichtlich nicht mehr bereit, alle entsprechenden Wolfshin- und -nachweise zu melden.
Auch die Reaktion des LJV, zukünftige Meldungen über Wildtierrisse nicht mehr an LUPUS sondern an eine Kontaktperson des Präsidiums des LJV Sachsen weiterzuleiten, brachte keine verbesserten Abläufe im Wildmonitoring; im Gegenteil, man muss sogar befürchten, dass damit wesentliche Informationen zur Darstellung der Gesamtsituation verloren gingen.
Darüber hinaus kann und sollte sich jeder Revierinhaber in Sachsen über das Internetportal „Sächsisches Wildmonitoring“ bei der erweiterten Präsenzerfassung für besondere Wildarten wie z.B. Wolf, Luchs, Wildkatze, Fischotter, Graureiher und Birkhuhn beteiligen, indem er unter Angabe von Anzahl, Art, Ort, und Datum an die Jagdbehörde Bericht erstattet.

  1. Wolfsbestand zählen oder verantwortungsvoll schätzen

Nach eigenen Angaben von LUPUS sendet seit vielen Monaten kein einziges Rudel mehr in Sachsen Bewegungsdaten. Die ins Stocken geratene Gentestanalyse für Tests in der Fläche (Losung, Haare u.ä.) fällt vermutlich aus Kostengründen für Tausende Proben aus.

Es ist zweifelsfrei schwierig, ein belastbares laufendes Monitoring durchzuführen. Deshalb muss es auch legitim sein, theoretische Berechnungen auf Grundlage internationaler Erfahrungen über wachsende Wolfspopulationen vorzunehmen (Granlund 2015). Bekannt ist, dass Deutschland innerhalb Europas den höchsten Schutzstatus für den Wolf garantiert. Es ist jedoch egal, ob man das Wachstum dieser Wolfsvorkommen in Deutschland beginnend im Jahr 2000 mit einem Faktor von 1,3 oder 1,5 berechnet – das Ergebnis wird immer weit über der bereits erforderlichen günstigen Referenzpopulation von 250 Wölfen liegen und in den nächsten zwei Jahren exponentiell auf 1000 Wölfe wachsen (www.Wolfszone.de Populationsdynamik). Damit kann eine weitere explosionsartige Ausbreitung und Verdichtung der Wolfspopulation nur unter wissentlicher Inkaufnahme wachsender soziologischer, ökologischer und ökonomischer Spannungen und Schäden erfolgen.
Wie bereits erwähnt, nimmt die offizielle Anzahl der Wolfsrudel in Sachsen im Gegensatz zu Brandenburg und anderen Bundesländern ab (Sächsischer Landtag 2015. Vermisst werden das Hohwald- und das Kollmer Rudel. Wie erklären sich dann aber z.B. acht Schafsrisse auf einer gesicherten Weide im bisherigen Territorium des Hohwald-Rudels zu Pfingsten 2015 in Berthelsdorf/Neustadt? Wie erklären sich weitere Schafsrisse in umliegenden Gemeinden sowie Risse von einem Damtier, drei Schafen und einem vermissten Schaf im Streichelzoo von Neukirch/Bautzen am 27.11.2015? Wären das nicht auch feststellbare Rudelnachweise im bisherigen Hohwald-Rudel-Territorium? Das Kollmer-Rudel-Territorium soll zwischenzeitlich von „anderen“ Wölfen genutzt werden? Von welchen und warum nicht von mehreren Rudeln?
Bereits seit längerer Zeit konnte man beim Verfolgen der öffentlichen Meldungen von LUPUS zu dem Schluss kommen, dass die Übersicht über den Nachweis, wie viele Wölfe sich wo aufhalten, verloren gegangen ist. Das äußerte sich in Formulierungen wie: „vermutlich, unklar, es ist anzunehmen, es ist unbekannt“ (Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz 2015).
Zu lange hat man darauf beharrt, das Revierterritorium eines Wolfsrudels statisch zu betrachten, ohne dabei das im Vergleich mit anderen Ländern große Beuteangebot in Deutschland auf relativ kleinräumigen Territorien zu beachten. Es entsteht der Eindruck: wird ein (neues) Rudel in einem „besetzten“ Rudelterritorium nachgewiesen, dann erfolgt offensichtlich die Zuweisung auf das bereits hier lebende Rudel. Im anderen Fall hängt man ein (neu) entdecktes Rudel an das vorhandene Territorium einfach an, wenn es außerhalb der bisher angenommenen Begrenzung liegt. Zufällig entdeckte man ein Wolfsrudel mit bis zu 13 Welpen im Daubaner Rudel (Sächsischer Landtag 2015). Das Daubaner Rudel war bereits auffällig geworden, da eine vor wenigen Jahren neu besenderte junge Wolfsfähe sich unerklärlich im eigentlich besetzten Daubaner Revier ansiedelte. LUPUS schlussfolgerte: die alte Fähe hat wohl ihr Revier verlassen. Spätestens dann, als hier in den Folgejahren ein Rudel mit 13 Welpen festgestellt wurde, hätte man feststellen müssen, ob sich mehrere Rudel in diesem Territorium aufhalten, da offensichtlich das Beuteangebot groß genug ist und sicherlich ein Verwandtschaftsverhältnis beide Fähen verbindet. Ähnliches passierte in Brandenburg (11 Welpen).
Leider ist in der Fachliteratur sehr wenig über diesbezügliche Forschungen von Wissenschaftlern beschrieben. Forschungsergebnisse polnischer Wissenschaftler erbrachten jedoch Mitte bis Ende der 90´er Jahre im Bialowieza Urwald Beweise für die im Jahreswechsel sich häufig verlagernden, überlappenden oder geteilten Wolfsrudelterritorien. Handelt es sich dabei um sehr beutereiche Habitate, so schlussfolgerten die Forscher, dulden die Elterntiere auch die Ansiedlung fortpflanzungsfähiger Nachkommen in ihrem Territorium. Die Wildzählung in der Königsbrücker Heide (Westlausitz), – 2014 erstmalig durchgeführt mit Hilfe von modernen Luftbildaufnahmeverfahren –  hatte einen überraschend hohen Rotwildbestand von ca. 2 000 Stück und ca. 1.000 Sauen ergeben, 2005 waren es nur 530 Stück Rotwild. Die Zählung bezog sich dabei nur auf die Kernzone eines Naturschutzgebietes (5000 ha), einem Wildnisgebiet, in dem seit über 10 Jahren Betretungs- und Jagdverbot besteht.
Dieses Wild tritt natürlich auch auf umliegende Felder und Wiesen zur Äsung aus. Von dem Risiko der schnellen Verbreitung von Wildkrankheiten ganz zu schweigen. Der erste Wolf wurde hier 2004 gesehen und 2011 – nach Aufstellen einer ersten Wildkamera – ein Rudel nachgewiesen.
Es wirkte deshalb sehr überraschend, als man am 21.2./22.2.2016 von der teilweisen Auslöschung einer 130 köpfigen Schaf-und Ziegenherde durch Wölfe in der Königsbrücker Heide in den Nachrichten hörte. 70 Schafe und Ziegen wurden dabei getötet, wovon 10 Schafe und Ziegen gefressen und weitere verletzt wurden. Auch in diesem Fall kann man auf die Anzahl der beteiligten Wölfe schlussfolgern, wenn sie in einer Nacht 10 Schafe aufgefressen haben sollen. Das wäre sicherlich für ein nur achtköpfiges Rudel mit sechs Welpen zu viel.
Hier gibt es für Wildbiologen ein großes Forschungsfeld. Mit wenigen besenderten Stücken Rotwild wurde ein Anfang gemacht. Es ist unerklärlich, warum in diesem großen Totalschutzgebiet noch keine Wölfe telemetriert wurden. Da man ohne Sender die Wolfsrudel i.d.R. nicht zu 100% unterscheiden und wiedererkennen kann, bestätigt man immer nur die momentane Anwesenheit eines Rudels oder Wolfes am jeweiligen Ort. Leider gibt es zwischenzeitlich noch keine einheitlichen Monitoringstandards innerhalb des Bundesgebietes. So wollten die Brandenburger Wolfsbeauftragten sicher nicht ohne Grund die Territorien ihrer Wölfe ab 2015 nicht mehr nach begrenzten Revieren und Wolfsrudelnamen unterscheiden, sondern die betroffenen Wolfsvorkommen – wie in Polen – nach Regionen benennen. Für Brandenburg bekanntgegeben wurden Mitte 2015 20 Regionen, drei weitere würden noch dazu kommen.

VII. Wolfsgenetik

Klar war von Anfang an, dass die Herkunft der im Osten Deutschlands wiederholt vorkommenden Wölfe zunächst im Westen Polens zu suchen war. Klar war dabei auch, dass der polnische Wolfsbestand im unterschiedlichen Maße bis 1998 reguliert werden durfte.
Der zunächst sehr kleine Wolfsbestand in Deutschland wurde bereits von 2000 – 2007 zusammen mit den drei polnischen Subpopulationen (nordöstliches, mittelöstliches und Karpaten) in Polen genetisch analysiert und dabei wissenschaftlich nachgewiesen, dass die deutschen Wölfe von den west-/nordwestpolnischen/litauischen Wölfen abstammen. Dieses Ergebnis wurde 2009 auf dem Weltkongress der Wildbiologen in Moskau popularisiert. Anstatt diese Wölfe den bereits bekannten polnischen Subpopulationen zuzuordnen, sah man in Deutschland bereits in den wenigen Wölfen eine neu entstandene Population. Während man in Polen weiterhin von den eigenen Unterpopulationen ausging, ordnete man ihnen in Deutschland den Status einer eigenen Population zu, der „deutsch-westpolnischen Population.“ Diese wird seit 2012 mit dem zweifelhaften Status „Mitteleuropäische Flachlandpopulation“ – mit einer östlichen geographischen Grenze längs zur Weichsel – fortgeführt. An diesem Status wird von offizieller deutscher Seite, entgegen allen wissenschaftlichen Nachweisen, bis zum heutigen Zeitpunkt fest gehalten.
Offensichtlich war das notwendig geworden, weil ansonsten das deutsche sehr aufwendige Artenschutzprogramm zum Wolf „lediglich“ zur Stabilisierung der bereits gesicherten Population des „Europäischen Grauwolfes“ beigetragen hätte. Diese Population, die vom IUCN bereits 2004 und 2010 in die günstigste Kategorie, als „Nicht gefährdet“ eingestuft wurde, hatte damals bereits einen Bestand von über 18.000 Wölfen.
Die o.g. Population hatte als wissenschaftliche Grundlage die Ergebnisse einer polnischen DNA Studie über die in Polen vorhandenen Subpopulationen: „Concordant mitochondrial and microsatellite DNA structuring between Polish lowland and Carpathian Mountain wolves“ (Czarnomska 2013).
Bereits nach dem Bekanntwerden der DNA-Untersuchungsergebnisse – in Zusammenarbeit mit LUPUS im Zeitraum 2000-2007 von 457 Wölfen aus Polen und 9 Wölfen aus Deutschland  erstellt – stand das Ergebnis im Wesentlichen fest. Nach den zwischenzeitlich seit 2009 gewonnenen und untersuchten 4.000 DNA-Proben, im Vergleich mit Referenzproben aus benachbarten europäischen Wolfspopulationen, konnte vom Senckenberg-Institut Gelnhausen in Verbindung mit den von LUPUS vorliegenden Monitoringdaten wiederholt bestätigt werden, dass diese Wölfe aus denselben Subpopulationen stammen.

Sicher ist die Zusammenlegung wesentlicher Teile des nationalen Wolfsmanagements 2015 in ein bundesweit wirkendes Dokumentations- und Kompetenzzentrum Wolf nach Görlitz ein erfreulicher Fortschritt. Jetzt könnte das Senckenberg-Institut, Labor für Wildenergetik in enger Abstimmung mit LUPUS seine Informations- und Beratungsarbeit besser koordinieren. Wünschenswert wäre es, wenn dies auf Grundlage einheitlicher Standards erfolgen könnte.
Noch immer befindet sich Deutschland in einem alle Bundesländer umfassenden Feldversuch. Noch immer halten LUPUS und verantwortliche NGO´s an dem Konstrukt einer „Mitteleuropäischen Flachlandpopulation“ fest. Noch immer akzeptiert man nicht die korrekte Einteilung der heimischen Wölfe in Subpopulationen.
Dementsprechend sollte, wie von unserer Aktionsgruppe Wolf – einer Vertretergemeinschaft der Kreisjägerschaften Ostsachsens (Unsere Jagd 2016) – im EU-Petitionsausschuss gefordert, die Eingruppierung des Wolfes von Anhang IV in den Anhang V der FFH-Richtlinie durch die zuständigen Behörden beantragt werden.

Zusammenfassung

Die Wolfsbestände breiten sich im Freistaat Sachsen rasch aus. Damit ist davon auszugehen, dass die negativen ökologischen, ökonomischen und sozialen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt weiterhin zunehmen.
Wolfsbestände lassen sich nach jahrelanger nicht regulierter Reproduktion nicht mehr zählen sondern nur schätzen. Nach möglichst intensiver Erfassung des Bestandes sollte auf der Grundlage internationaler Erfahrungen je nach Habitatsqualität ein Zählfaktor zum Ausgleich der Dunkelziffer bestimmt werden.
Die Wölfe in Deutschland gehören zu den Wölfen, die in Mittel-, Nord- und Osteuropa weit verbreitet sind. Sie wurden auch in allen skandinavischen Ländern, im Baltikum, Weißrussland, der Ukraine und Polen nachgewiesen.
Der deutsche Teil dieser Subpopulation bildet sich größtenteils aus dieser selbst heraus, aber es gibt auch nachweisbare Immigration aus mehreren europäischen Subpopulationen und bisher unbekannten Bereichen. Sie ist damit nicht isoliert.
Die Population nimmt zu und hat einen offenbar günstigen Lebensraum zur Verfügung, der seine Qualität beibehalten wird.

Summary

The wolf population is quickly spreading in the Free State of Saxony. So it is assumed that the negative ecologic, economic and social effects on people and environment will be growing.
After a long lasting unregulated reproduction there is no chance to count wolves but only to estimate them. Based on international experience there should be set a multiplier to compensate the estimated number of unreported data.
The wolves in Germany belong to the wolves widely spread in Central, Northern and Eastern Europe. They were as well detected in all Scandinavian countries, in the Baltics, in Belarus, in the Ukraine and in Poland.
The German part of this subpopulation is mostly generated on its own terms, but there is also a detectable immigration from several European subpopulations and so far unknown territories. So this part is not isolated. ´
The population grows and has an obviously favourable habitat with stable quality.

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Anschriften der Verfasser:

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